China-Aktien vor Trendwende!
(Lars Erichsen) China gehört zu den technologisch und industriell leistungsfähigsten Volkswirtschaften der Welt. Das Land ist führend bei Elektromobilität, Batterie-Technologie und industrieller Automatisierung. Auch bei künstlicher Intelligenz hat China in den vergangenen Jahren erhebliche Fortschritte gemacht. Eigentlich müsste das ein hervorragendes Umfeld für langfristig orientierte Aktien-Investoren sein. Tatsächlich sieht es an der Börse jedoch ganz anders aus. Der CSI 300, der die wichtigsten Aktien des chinesischen Festland-Marktes abbildet, hat seit Jahresbeginn rund 12% verloren. Auf Sicht von 5 Jahren beträgt das Minus knapp 18%.

Wie passt das zusammen?
Noch wichtiger ist die Frage, was eigentlich passieren muss, damit chinesische Aktien wieder zu einem attraktiveren Anlageziel für internationale Investoren werden. Ich möchte zunächst erläutern, warum China aus meiner Sicht technologisch und industriell hervorragend positioniert ist. Anschließend schauen wir auf die strukturellen Probleme und vor allem auf die konkreten Signale, an denen Anleger eine nachhaltige Verbesserung erkennen könnten.
Hier ist China führend
Beginnen wir mit einem Bereich, der in den kommenden 10 Jahren eine besonders große Bedeutung bekommen dürfte: der Robotik. Die International Federation of Robotics hat im September neue Zahlen veröffentlicht. Demnach wurden 2025 weltweit mehr als 600.000 Industrie-Roboter installiert. Auf China entfielen davon rund 354.000, also fast 60% sämtlicher Neuinstallationen. Und wir sollten nicht vergessen, dass China lange Zeit vor allem aufgrund seiner niedrigen Arbeitskosten erfolgreich war. Internationale Konzerne verlagerten ihre Produktion dorthin, weil chinesische Arbeitskräfte deutlich günstiger waren als amerikanische oder europäische. Dieses Geschäftsmodell verändert sich inzwischen grundlegend.
Chinesische Unternehmen investieren massiv in Robotik, Automatisierung und zunehmend KI-gestützte Fertigung. Die industrielle Wettbewerbsfähigkeit hängt damit immer weniger ausschließlich von niedrigen Löhnen ab. Produktivität, Skaleneffekte, hochintegrierte Lieferketten und technologisches Know-how werden immer wichtiger.
Wenn wir unterstellen, dass industrielle Automatisierung in den kommenden 10 Jahren erheblich an Bedeutung gewinnt, könnte China davon besonders profitieren. Während andere Schwellenländer möglicherweise einen Teil ihres bisherigen Lohnkostenvorteils verlieren, verfügt China bereits über die industrielle Infrastruktur und die technischen Kompetenzen, um diesen Wandel selbst voranzutreiben.
Hinzu kommt, dass chinesische Hersteller inzwischen mehr als die Hälfte der im Inland neu installierten Roboter liefern. Es entsteht also ein industrielles Ökosystem, das sowohl von steigender Roboter-Nachfrage als auch von den Produktivitätsgewinnen durch ihren Einsatz profitieren kann. Und dieser technologische Vorsprung beschränkt sich keineswegs auf Robotik.
Nach Angaben der Internationalen Energie-Agentur entfielen 2025 fast drei Viertel der weltweiten Elektroautoproduktion auf China. Bei Batteriezellen lag der chinesische Anteil bei mehr als 80%. Natürlich muss man hier unterscheiden zwischen Produktionsmenge und wirtschaftlicher Profitabilität. Darauf komme ich gleich zurück. Zunächst zeigt sich aber, dass China in mehreren wichtigen Zukunfts-Industrien über eine Position verfügt, die andere Länder erst mühsam aufbauen müssten. Und nun kommt künstliche Intelligenz hinzu.
Die Entwicklung leistungsfähiger chinesischer Sprachmodelle, insbesondere durch Unternehmen wie DeepSeek und Alibaba, hat gezeigt, dass chinesische Entwickler trotz amerikanischer Exportbeschränkungen technologisch konkurrenzfähige Lösungen entwickeln können. Für die langfristige wirtschaftliche Entwicklung ist dabei eine andere Frage fast noch wichtiger als die Leistungsfähigkeit einzelner Sprachmodelle: Wie schnell gelingt es, künstliche Intelligenz in bestehende Produktionsprozesse zu integrieren?
China verfügt über riesige Mengen industrieller Daten, große Produktions-Netzwerke und eine umfassende digitale Infrastruktur. Wenn KI dazu beiträgt, Produktionsausfälle zu reduzieren, Lieferketten zu optimieren oder den Robotereinsatz effizienter zu gestalten, könnten erhebliche Produktivitätsgewinne entstehen. Die Kombination aus künstlicher Intelligenz, Robotik und bereits vorhandener industrieller Fertigungstiefe ist für mich eines der überzeugendsten langfristigen Argumente für China.
Warum ignoriert die Börse das?
Die Antwort finden wir vor allem außerhalb der Technologie-Branchen. Chinas Wirtschaft leidet seit Jahren unter den Folgen einer tiefgreifenden Immobilienkrise. Über Jahrzehnte war der Immobilien-Sektor ein wichtiger Wachstumsmotor. Immobilien waren gleichzeitig eine der bedeutendsten Vermögensanlagen chinesischer Privathaushalte. Die anhaltende Schwäche dieses Marktes belastet deshalb die Vermögenssituation und das Vertrauen vieler Verbraucher. Das zeigt sich in den jüngsten Wirtschaftsdaten.
Im 3. Quartal 2026 wuchs Chinas Wirtschaft um 4,5% gegenüber dem Vorjahr. Die Industrieproduktion legte im September um 5,5% zu. Der Einzelhandelsumsatz wuchs dagegen lediglich um 1,1%. Und die Immobilien-Investitionen gingen in den ersten neun Monaten des Jahres um mehr als 20% zurück.
Diese Zahlen verdeutlichen das zentrale Problem. China besitzt eine ausgesprochen leistungsfähige Industrie, aber die heimische Nachfrage entwickelt sich deutlich schwächer. Die Unternehmen produzieren immer effizienter, während die Verbraucher aufgrund der Immobilienkrise, wirtschaftlicher Unsicherheit und teilweise schwacher Einkommensperspektiven zurückhaltend bleiben. Für Unternehmen kann das problematisch werden.
Denn wenn Produktionskapazitäten schneller wachsen als die Nachfrage, entsteht Preisdruck. Genau diese Entwicklung beobachten wir in Teilen der chinesischen Automobil- und Solar-Industrie. Unternehmen können technologisch hervorragend positioniert sein und trotzdem enttäuschende Gewinne erzielen, weil der Wettbewerb einen erheblichen Teil der Produktivitätsgewinne an die Kunden weitergibt.
Ein zweiter Belastungsfaktor ist die Verschuldung. Neben den Immobilien-Entwicklern stehen zahlreiche lokale Gebietskörperschaften unter finanziellen Schwierigkeiten. Ein erheblicher Teil ihrer bisherigen Einnahmen hing direkt oder indirekt vom Immobilien-Markt ab.

Drittens müssen wir über die Demografie sprechen. Die chinesische Bevölkerung schrumpft inzwischen, während gleichzeitig der Anteil älterer Menschen steigt. Automatisierung kann den Rückgang der Erwerbsbevölkerung teilweise kompensieren. Für den Konsum, die sozialen Sicherungssysteme und die öffentlichen Haushalte entstehen dadurch aber zusätzliche Herausforderungen. Hinzu kommen geopolitische Risiken. Handelsbeschränkungen, der erschwerte Zugang zu bestimmten Hochleistungs-Halbleitern und der Konflikt um Taiwan stellen zusätzliche Unsicherheitsfaktoren dar.
Ich würde die wesentlichen wirtschaftlichen Belastungen derzeit allerdings stärker in der schwachen Binnen-Nachfrage, der Immobilienkrise und der unzureichenden Kapitalrentabilität zahlreicher Unternehmen sehen.
Ein weiterer wichtiger Punkt, ist die Stellung privater Aktionäre. Chinesische Unternehmen agieren in einem Wirtschaftssystem, in dem industriepolitische und strategische Ziele eine wichtige Rolle spielen. Diese Ziele müssen nicht immer mit den Interessen der Aktionäre übereinstimmen. All das erklärt, weshalb internationale Anleger chinesischen Aktien einen erheblichen Risikoabschlag zuordnen.
Was müsste sich nun konkret ändern, damit dieser Abschlag kleiner wird?
Ich würde auf 5 Signale achten: Das erste Signal wäre eine nachhaltige Stabilisierung des Immobilien-Marktes. Dabei müsste es keineswegs zu einem neuen Immobilien-Boom kommen. Im Gegenteil: Ein erneutes schuldenfinanziertes Wachstum wäre vermutlich kaum wünschenswert. Wichtig wäre, dass sich der Rückgang der Immobilienpreise verlangsamt, die Zahl unverkaufter Wohnungen sinkt und wieder mehr bereits verkaufte Wohnungen tatsächlich fertiggestellt werden. Denn solange chinesische Privathaushalte befürchten müssen, dass der Wert ihres wichtigsten Vermögensgegenstandes weiter fällt, dürfte ihre Konsumbereitschaft begrenzt bleiben. Ich würde deshalb besonders auf die monatlichen Immobilienpreise in den 70 großen Städten, die Wohnungsverkäufe und die Bauaktivität achten.
Das zweite Signal wäre eine deutliche Erholung des privaten Konsums. Derzeit wächst die Industrieproduktion erheblich schneller als der Einzelhandelsumsatz. Diese Diskrepanz müsste sich verringern. Wenn der Einzelhandel wieder mehrere Quartale hintereinander beispielsweise um vier bis 5% wächst, wäre das ein Hinweis darauf, dass die heimische Nachfrage an Dynamik gewinnt. Noch wichtiger wäre, dass sich gleichzeitig das Verbrauchervertrauen verbessert und die privaten Haushalte weniger aus Vorsicht sparen. Der IWF empfiehlt China ausdrücklich, die sozialen Sicherungssysteme auszubauen, um die hohe Sparneigung zu reduzieren und den Konsum zu stärken.
Das dritte Signal betrifft die Unternehmensgewinne. Für mich ist das möglicherweise der wichtigste Punkt aus Anlegersicht. Wir wissen, dass chinesische Unternehmen enorm viel produzieren können. Entscheidend ist aber, wie viel sie daran verdienen.
Ich würde deshalb besonders auf die Gewinnmargen chinesischer Industrie-Unternehmen achten. Wenn die Produzentenpreise wieder steigen und gleichzeitig die operativen Margen zulegen, könnte das auf ein Ende des intensiven Preiswettbewerbs hindeuten.
Auch die Eigenkapitalrenditen und der freie Cashflow börsennotierter Unternehmen müssten sich verbessern. Gerade in der Elektromobilität und bei Solar-Technik wäre es wichtig, dass sich die Unternehmen zunehmend auf profitable Produktion konzentrieren, anstatt immer neue Kapazitäten aufzubauen.
Das vierte Signal wäre eine Verbesserung der Investitionsbereitschaft des Privatsektors. Die chinesische Regierung kann gewaltige Investitionsprogramme auflegen. Doch langfristig wäre es deutlich überzeugender, wenn wieder mehr private Unternehmen aus eigener Überzeugung investieren. In den ersten neun Monaten 2026 gingen die privaten Anlageinvestitionen um mehr als 10% zurück. Eine nachhaltige Trendwende wäre deshalb ein wichtiges Vertrauenssignal. Ich würde auf mehrere Quartale mit steigenden privaten Investitionen achten, möglichst auch außerhalb der staatlich geförderten Zukunftsindustrien. Damit verbunden wäre eine größere regulatorische Berechenbarkeit. Unternehmen müssen darauf vertrauen können, dass sich erfolgreiche Investitionen langfristig auszahlen.
Das fünfte Signal betrifft schließlich die Aktionäre selbst. China hat in den vergangenen Jahren bereits Maßnahmen ergriffen, um Dividendenzahlungen und Aktienrückkäufe zu fördern. Für eine nachhaltige Neubewertung wäre es wichtig, dass diese Entwicklung weitergeht und die Unternehmen ihre Kapitalallokation stärker an der Rentabilität ausrichten. Ich würde deshalb auf steigende Ausschüttungsquoten, regelmäßige Aktienrückkäufe und eine bessere Transparenz bei Unternehmensentscheidungen achten. Besonders überzeugend wären Rückkäufe, wenn sie aus dauerhaft erwirtschaftetem freiem Cashflow finanziert werden und die Zahl ausstehender Aktien tatsächlich sinkt.
Denn letztlich kann ein Aktien-Markt nur dann dauerhaft attraktiv sein, wenn die Aktionäre angemessen an den wirtschaftlichen Erfolgen seiner Unternehmen beteiligt werden. Wenn wir diese 5 Punkte zusammennehmen, ergibt sich ein recht klares Bild.
China muss nicht erst technologisch wettbewerbsfähig werden. In zahlreichen Bereichen ist es das bereits. Die eigentliche Herausforderung besteht darin, die vorhandenen industriellen Stärken in nachhaltig steigende Unternehmensgewinne, höhere Kapitalrenditen und eine stärkere Binnen-Nachfrage zu übersetzen.
Der Internationale Währungsfonds erwartet, dass Chinas Wachstum mittelfristig nachlassen wird. Das bisherige Modell, stark auf Investitionen und Exporte zu setzen, stößt zunehmend an Grenzen. Das schließt attraktive Aktienrenditen jedoch keineswegs aus. Ein Aktien-Markt benötigt kein Wirtschaftswachstum von 8%, um Anlegern gute Renditen zu ermöglichen. Wenn die Gewinne steigen, die Kapitalallokation besser wird und ein zuvor hoher Bewertungsabschlag zurückgeht, können auch bei moderatem Wirtschaftswachstum attraktive Ergebnisse entstehen.
Mein Fazit
Für mich ergibt sich daraus folgende Schlussfolgerung: China verfügt über außergewöhnliche industrielle und technologische Voraussetzungen. Die entscheidende Frage für die kommenden 5-10 Jahre ist, ob sich diese Stärken endlich auch in einer besseren Rentabilität und einer höheren Attraktivität für Aktionäre niederschlagen. Ich würde deshalb nicht ausschließlich auf die Entwicklung der Aktien-Indizes schauen, sondern vor allem auf den Immobilien-Markt, den Konsum, die Produzentenpreise, die privaten Investitionen und die Gewinnmargen der Unternehmen.
Wenn sich mehrere dieser Indikatoren gleichzeitig und über mehrere Quartale verbessern, wäre das ein wesentlich überzeugenderes Signal als eine kurzfristige Kursrallye, die lediglich durch staatliche Stützungsmaßnahmen oder neue Konjunkturprogramme ausgelöst wird.
China könnte in 10 Jahren technologisch noch wesentlich leistungsfähiger sein als heute. Ob chinesische Aktien davon profitieren, entscheidet sich allerdings daran, wie viel dieser wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit tatsächlich in Gewinne und Renditen für die Aktionäre übersetzt wird. Und genau darauf würde ich als Anleger achten.
Offenlegung wegen möglicher Interessenkonflikte:
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