Ende des Abwärtstrends?

(Lars Erichsen) Es gibt diesen alten Spruch: „Getrunken wird immer.“ Wenn man das wörtlich nimmt, müsste das eigentlich ein Selbstläufer für Aktien von Getränke-Herstellern sein, insbesondere im alkoholischen Bereich. Die Realität sieht aktuell allerdings komplett anders aus. Große Player wie Diageo, Pernod Ricard oder Brown-Forman haben in den letzten Jahren massiv an Wert verloren.

Pernod Ricard liegt auf Sicht von 3 Jahren rund 68% im Minus, Brown-Forman etwa 52% und Diageo sogar rund 60%. Das zeigt ziemlich klar: Nachfrage, Margen und Marktumfeld stehen unter Druck und genau deshalb kommt jetzt Bewegung in die Branche.

Es kommt Bewegung in die Branche

Ende März wurde bestätigt, dass Pernod Ricard und Brown-Forman über eine mögliche Fusion sprechen. Ziel ist ein Zusammenschluss unter Gleichen, der einen global führenden Spirituosen-Konzern schaffen soll. Die Idee dahinter ist klar: Vertrieb, Markenstärke und Skaleneffekte bündeln, um in einem schwierigen Marktumfeld wieder mehr Schlagkraft zu bekommen.

Pernod Ricard im Detail

Pernod Ricard gehört zu den größten Spirituosen-Konzernen weltweit und sitzt in Frankreich. Das Unternehmen ist extrem breit aufgestellt und deckt mehrere Premium-Kategorien ab, darunter Scotch Whisky, Irish Whiskey, Vodka, Gin und Tequila.

Zu den bekanntesten Marken gehören Absolut Vodka, Chivas Regal, Jameson, Ballantine’s und Havana Club. Genau diese Markenbreite ist einer der größten strategischen Vorteile, weil Pernod damit global sehr flexibel agieren kann.

Beim Umsatz liegt Pernod Ricard zuletzt bei rund 12 Mrd. Euro jährlich. Regional ist das Geschäft klar verteilt:

→ Amerika etwa 28% bis 30%
→ Europa rund 30%
→ Asien und Rest der Welt etwa 40%

Der wichtigste Wachstumstreiber war in den letzten Jahren klar Asien, insbesondere China und Indien. Gleichzeitig zeigt sich genau hier aktuell auch Schwäche, weil Konsum und Premium-Nachfrage nachlassen.

Ein struktureller Punkt ist wichtig: Pernod ist global extrem gut im Vertrieb aufgestellt, hat aber eine vergleichsweise schwache Position im amerikanischen Whiskey-Segment. Genau hier würde Brown-Forman perfekt reinpassen. Pernod Ricard kommt aktuell auf eine Marktkapitalisierung von rund 20 Mrd. Euro.

Brown-Forman im Detail

Brown-Forman ist ein US-Konzern mit Sitz in Kentucky und deutlich fokussierter als Pernod Ricard. Der Konzern ist vor allem im Whiskey-Bereich stark und besitzt mit Jack Daniel’s eine der bekanntesten Spirituosen-Marken der Welt.

Weitere Marken sind Woodford Reserve, Old Forester und Herradura im Tequila-Bereich. Trotzdem ist das Portfolio insgesamt deutlich konzentrierter als bei Pernod. Der Umsatz liegt bei rund 4 Mrd. US-Dollar jährlich. Regional ist das Geschäft wie folgt verteilt:

→ USA rund 50%
→ Europa etwa 20%
→ Rest der Welt rund 30%

Damit ist Brown-Forman deutlich stärker vom US-Markt abhängig als Pernod Ricard. Genau das ist aktuell ein Problem, weil die Nachfrage in den USA zuletzt schwächer war. Gleichzeitig ist genau diese starke US-Position der strategische Wert für Pernod. Eine Fusion würde Pernod direkten Zugang zu einem der wichtigsten Märkte verschaffen, während Brown-Forman von der globalen Vertriebsstruktur der Franzosen profitieren könnte. Brown-Forman kommt aktuell auf eine Marktkapitalisierung von rund 14 Mrd. US-Dollar.


Pernod Ricard

Quelle: www.tradingview.com


Konkurrenz-Angebot bringt zusätzliche Dynamik

Parallel zu den laufenden Fusionsgesprächen ist noch ein weiterer Player aufgetaucht, der die Situation deutlich verändert. Der US-Spirituosenkonzern Sazerac, ein privat geführtes Unternehmen aus New Orleans, hat ein Übernahmeangebot für Brown-Forman in Höhe von rund 15 Mrd. US-Dollar vorgelegt, was etwa 32 US-Dollar je Aktie entspricht. Sazerac ist in der Branche kein Unbekannter und hat sein Portfolio über Jahre hinweg durch gezielte Übernahmen bekannter Spirituosen-Marken ausgebaut.


Spirituosen

Quellen: Grand View Research 2026 | Mordor Intelligence | Fortune Business Insights | IWSR | Nielsen IQ


Mein Fazit

Ich persönlich trinke keinen Alkohol, daher kann ich nicht beurteilen, wie ein Jack Daniel’s oder andere Whiskeys tatsächlich schmecken. Was ich aber sehr wohl beurteilen kann, ist das, was sich gerade auf Unternehmensebene abspielt und das ist durchaus spannend. Solche Übernahme- und Fusionsgespräche in einer Branche, die seit Jahren unter Druck steht, sind für mich oft ein erstes Zeichen dafür, dass sich etwas verändert. Häufig markieren genau solche Phasen das Ende eines längeren Abwärtstrends, auch wenn das nicht bedeutet, dass es sofort wieder nach oben geht. In der Regel sind das Prozesse, die sich über Monate oder sogar Jahre ziehen.

Für Dividenden-Anleger bleiben beide Werte aus meiner Sicht interessant. Gerade Pernod Ricard sticht hier mit einer Rendite von rund 6,3% bei einem KGV von etwa 12 hervor, was im aktuellen Marktumfeld durchaus auffällt.

Unterm Strich sehe ich aktuell keine Trendwende im klassischen Sinne, aber zumindest erste Anzeichen einer Bodenbildung. Nicht mehr und nicht weniger.



Offenlegung wegen möglicher Interessenkonflikte:Der Autor ist zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Kommentars in den folgenden besprochenen Wertpapieren bzw. Basiswerten investiert: Diageo | Diese Position ist Bestandteil des exklusiven Dividenden-Depots. Die Informationen in diesem Newsletter stellen keine Empfehlung im Sinne des Wertpapierhandelsgesetzes dar.

Bildquellen: © ATLAS Research GmbH - Generiert mit KI / ChatGPT