Der Chip-Sektor im Spannungsfeld von KI-Boom und „Schweine-Zyklus“!
(Lars Erichsen) Künstliche Intelligenz ist weiterhin eines der dominierenden Themen an den Finanz-Märkten. Kaum ein anderer Trend hat in so kurzer Zeit derart hohe Investitionen ausgelöst und ganze Branchen verändert. Besonders deutlich wird das im Halbleiter-Sektor. Rechenzentren werden ausgebaut, Cloud-Anbieter investieren Milliarden und die Nachfrage nach leistungsfähigen Prozessoren, Speicher-Chips und Netzwerk-Technik hat zahlreiche Chip-Aktien auf neue Höchststände geführt.
Die Kursentwicklung vieler Unternehmen verdeutlicht, welche Erwartungen Anleger inzwischen an den KI-Boom knüpfen. So haben viele Werte aus dem Chip-Sektor auf Jahressicht zum Teil beträchtliche Kursgewinne erzielt. SK Hynix +1.040%, Micron Technology +920%, Samsung +420% und Intel mit einem Plus von gut 490% sind einige der zahlreichen Gewinner.
Historisch betrachtet zeichnet sich dieser Sektor jedoch durch eine ausgeprägte Zyklik aus, die oft auch als „Schweine-Zyklus“ bezeichnet wird. Dieser wiederkehrende Mechanismus basiert auf zeitlichen Verzögerungen zwischen einer hohen Nachfrage und der Bereitstellung der entsprechenden Produktionskapazitäten. Wenn eine neue Technologie den Bedarf an Rechenleistung sprunghaft ansteigen lässt, führt dies zunächst zu einer massiven Unterproduktion.
Da der Bau und die Ausrüstung neuer Halbleiter-Fabriken mehrere Jahre in Anspruch nehmen, bleibt das Angebot über einen längeren Zeitraum verknappt. Die Folge sind steigende Chip-Preise, eine hohe Preissetzungsmacht der Hersteller und rasant wachsende Unternehmensgewinne, was die Aktienkurse der Branche stark nach oben treibt.
Der Blick in die Historie
Wie sensibel dieser Markt reagiert, zeigt ein Blick auf die historischen Abschwungphasen der vergangenen Jahrzehnte. In diesen Zeiträumen führten Überkapazitäten oder makroökonomische Schocks regelmäßig zu deutlichen Kurseinbrüchen.

• Die Dotcom-Krise (2000 bis 2002): Nach dem enormen Investitions-Boom im Zuge der frühen Internet-Infrastruktur kam es zu einer massiven Überkapazität. Der Halbleiter-Markt brach nach der Jahrtausendwende drastisch ein.
• Die Korrekturphasen (2004 und 2006): Wie in der Grafik an den markierten Spitzen erkennbar ist, korrigierten die Chip-Aktien jeweils nach einer Phase optimistischer Gewinnprognosen (EPS).
• Die globale Finanzkrise (2008 bis 2009): Die Nachfrage nach Halbleitern brach ein, was den Sektor in eine tiefe operative Krise stürzte.
• Das Überangebot im Speicherchip-Markt (2011 bis 2012): Eine deutliche Überproduktion bei PC-Komponenten und DRAM-Speichern führte zu einem Preisverfall.
• Der Krypto- und Smartphone Abschwung (2018 bis 2019): Nach dem Ende des ersten großen Krypto-Mining-Booms und einer Sättigung des globalen Smartphone-Marktes blieben die Hersteller auf hohen Lagerbeständen sitzen. Dies führte zu einer ausgeprägten Branchenschwäche, bevor die Covid-Pandemie einen neuen Nachfrage-Zyklus auslöste.
• Die Post-Corona-Normalisierung (2022 bis 2023): Nach den extremen Lieferengpässen und Hamsterkäufen der Pandemiejahre kam es zu einer klassischen Bereinigung. Die Nachfrage nach PCs und Smartphones brach ein.
Rasant aufwärts bei den Chip-Aktien ging es seit etwa Anfang April des Jahres 2025. Dabei sind das Ausmaß und das Tempo der Kursgewinne außergewöhnlich, wie ich es selten erlebt habe. Innerhalb kürzester Zeit legten die Aktien rasant zu, so hat der VanEck Semiconductor ETF seitdem bis heute gut 220% an Wert gewonnen.
Der Bull-Case
Viele Branchen-Experten und Führungskräfte sind der Ansicht, dass die durch Künstliche Intelligenz getriebene Nachfrage nach Halbleitern von grundlegend anderer Natur ist als frühere Wachstumszyklen und den traditionellen Schweine-Zyklus langfristig außer Kraft setzen könnte. Sie argumentieren, dass die Notwendigkeit für immer leistungsfähigere Chips, insbesondere GPUs und TPUs, in Rechenzentren und für KI-Anwendungen, ein dauerhaftes und starkes Wachstum sicherstellt.
Jensen Huang, CEO von Nvidia, ist einer der prominentesten Befürworter dieser These. Er beschreibt die Nachfrage nach KI als „unersättlich“ und prognostiziert, dass die Investitionen in KI-Infrastruktur noch über Jahre hinweg massiv ansteigen werden. Nvidia selbst rechnet mit einem Marktpotenzial von Billionen von Dollar für KI-Chips in den kommenden Jahren. Huang betont, dass die Beschleunigung der Rechenleistung durch KI nicht nur die Effizienz steigert, sondern auch völlig neue Anwendungsfelder eröffnet, die das Wachstum weiter antreiben werden.
Auch Lisa Su, CEO von AMD, teilt diese optimistische Einschätzung. Sie prognostiziert, dass die Zahl der täglichen KI-Nutzer weltweit von derzeit 1 Mrd. auf 5 Mrd. bis 2030 ansteigen wird, was eine nahezu allgegenwärtige Präsenz von KI signalisiert. AMD plant, massiv in Taiwans KI-Sektor zu investieren, um die Produktionskapazitäten zu erweitern und strategische Partnerschaften zu vertiefen. Man sieht eine „neue Ära des Wachstums“ für AMD, mit einem potenziellen Umsatzwachstum von 35% pro Jahr über die nächsten 5 Jahre im KI-Geschäft.
Der Bear-Case
Auf der anderen Seite warnen einige Experten und Analysten vor einer möglichen Überhitzung des Marktes. Sie argumentieren, dass die aktuellen Investitionen und die Euphorie um KI zu einer Blasenbildung führen könnten, die in einer Korrektur mündet.
Ein prominentes Beispiel für die enormen Ausgaben im KI-Bereich liefert Marc Benioff, CEO von Salesforce, der ankündigte, dass sein Unternehmen im Jahr 2026 voraussichtlich 300 Mio. US-Dollar für Anthropic-Tokens ausgeben wird, hauptsächlich für KI-Codierung. Solche massiven Investitionen werfen die Frage nach der Effizienz und dem Return on Investment (ROI) auf.
Ähnlich kritisch äußerte sich Andrew Macdonald, COO von Uber, der feststellte, dass Uber sein gesamtes Budget für KI-Codierungstools für 2026 bereits innerhalb von 4 Monaten aufgebraucht hatte. Macdonald betonte, dass es schwierig sei, einen direkten Zusammenhang zwischen den steigenden KI-Kosten und konkreten, nützlichen Funktionen für die Kunden herzustellen.
Jim Covello, Leiter der globalen Aktien-Analyse bei Goldman Sachs, gehört ebenfalls zu den Skeptikern. Er argumentiert, dass die Dynamik im Halbleiter-Sektor, die durch den KI-Boom ausgelöst wurde, „beispiellos und nicht nachhaltig“ sei. Covello rät Anlegern, die von der KI-Infrastruktur profitieren wollen, eher auf große „Hyperscaler“ zu setzen als auf Chip-Hersteller.

Mein Fazit
Persönlich sehe ich mich bei dieser Debatte weder klar auf der Seite der Optimisten noch auf der Seite der Skeptiker. Die Argumente beider Lager sind nachvollziehbar. Einerseits sprechen die enormen Investitionen in Rechenzentren, die hohe Nachfrage nach KI Hardware und die Aussagen vieler Branchenvertreter dafür, dass der aktuelle Aufschwung noch nicht zwangsläufig sein Ende erreicht hat. Andererseits zeigt die Geschichte der Halbleiter-Industrie, dass Phasen großer Euphorie häufig von Überkapazitäten, sinkenden Margen und teils schmerzhaften Korrekturen gefolgt wurden.
Genau deshalb bewege ich mich persönlich zwischen diesen beiden Polen. Ich halte es für gut möglich, dass der KI getriebene Ausbau der Chip-Industrie noch einige Jahre anhält. Gleichzeitig halte ich die Warnungen vor überzogenen Erwartungen und einer möglichen Überhitzung einzelner Marktsegmente für berechtigt. Aus meiner Sicht spricht derzeit vieles dafür, dass wir weder am Anfang einer grenzenlosen Wachstumsphase noch unmittelbar vor dem Ende des Booms stehen.
Unabhängig von jedem Zyklus drohen nach fahnenstangenartigen Anstiegen deutliche Korrekturen, wenn auch vorübergehende. Auf dem aktuellen Niveau bieten die genannten Aktien aus meiner Sicht keine attraktiven Chance-Risiko-Verhältnisse mehr für Neueinsteiger.
Abschließend ein Hinweis: Buchgewinne werden erst durch (Teil-)Verkäufe zu realen Profiten im Depot. Gleichzeitig kann es sinnvoll sein, bestehende Stopps schrittweise nachzuziehen.
Offenlegung wegen möglicher Interessenkonflikte:
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