A-ZBöhms Börsenlexikon

Lars Erichsen

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Lars Erichsen

Was ist der Leitzins?

Zentralbanken steuern die Geldpolitik in erster Linie über die Festlegung des Leitzinses. Als Zinssatz, zu dem sich Geschäftsbanken eines Währungsraumes Geld leihen können, beeinflusst der Leitzins den Umfang der Geldaufnahme. Hierzu haben die Kreditinstitute Sicherheiten, meist in Form von Wertpapieren, zu hinterlegen. Der Leitzins verhält sich dabei wie ein fixierter Preis. Steigt der Leitzins, so verteuert sich das Liquiditätsangebot. Sinkt er, verbilligt sich die Geldaufnahme für die Kreditinstitute.

Auch wenn weltweit unterschiedliche Leitzins-Konzepte der jeweiligen Zentralbanken existieren, sind die Grundstrukturen ähnlich. Bei der Deutschen Bundesbank wurde für Deutschland der Diskontsatz und Lombardsatz festgesetzt. Durch die Europäische Währungsunion gab die Deutsche Bundesbank ihr Recht zur Festlegung der Leitzinsen an die Europäische Zentralbank ab.

Seit 1999 bestimmt die Europäische Zentralbank (EZB) drei verschiedene Leitzinsen:

  • den Zinssatz für das Hauptrefinanzierungsgeschäft
  • den Einlagesatz
  • den Spitzenrefinanzierungssatz

Die Entscheidung über den Leitzins liegt beim zuständigen Organ der jeweiligen Notenbank. Bei der Europäischen Zentralbank entscheidet der EZB-Rat über Richtung und Ausmaß der Leitzinsen sowie den Zeitpunkt der Veränderung.

Info

info Instrumentarium Leitzins

Mit dem Instrumentarium des Leitzinses können die Zentralbanken unterschiedliche Wirkungen erzielen:

  • Durch die Verteuerung/Verbilligung der Refinanzierung der Kreditinstitute steuern sie die Geldmenge und damit die Entwicklung des Preisniveaus.
  • Neben seiner direkten Wirkung auf die Geldpolitik beeinflusst der Leitzins auch indirekt die gesamtwirtschaftliche Nachfrage. Die Geschäftsbanken geben Zinssteigerungen/-senkungen an Unternehmen und Private weiter. Dadurch werden Kredite teurer/billiger und wirken so auf Investitionen und privaten Konsum als gesamtwirtschaftliche Nachfragegrößen.
  • Veränderungen von Leitzinsen können auch den Außenwert einer Währung beeinflussen. Veränderungen des Wechselkurses wirken wiederum auf Exporte und Importe. Eine Leitzinsentscheidung hat damit auch Auswirkungen auf den Außenbeitrag (Differenz aus Exporten und Importen).

Was muss ich als Anleger beim Thema Leitzins beachten?

Entscheidungen der Zentralbanken zur Veränderung der Leitzinsen haben großen Einfluss auf die Entwicklung der Finanzmärkte. In ihrer Grundintension symbolisiert eine Geldpolitik, die auf steigende Zinsen ausgerichtet ist, eine kontraktive Wirkung auf den Geldmarkt und die jeweilige Volkswirtschaft. So soll z. B. eine überhitzte Konjunktur, die eine Inflationsgefahr mit sich bringt, abgekühlt werden. Sinkende Zinsen signalisieren im Gegensatz dazu eher eine expansive Ausrichtung. Eine lahmende Konjunktur soll z. B. durch eine Anregung der Kredittätigkeit in Schwung gebracht werden. 

Der längerfristige geldpolitische Kurs einer Notenbank über die Leitzinssteuerung ist eine Art roter Faden für die gewünschte Richtung, in die sich die Volkswirtschaft des Währungsraumes bewegen soll. Die Leitzinspolitik der Notenbank kanalisiert somit in gewisser Weise das Verhalten der Finanzmarktteilnehmer. Auch wenn die tatsächlichen Auswirkungen einer Leitzinsveränderung auf die Realwirtschaft häufig nicht sehr stark und zeitverzögert ausfallen, sind sie von hoher Symbolkraft für die Anleger. Sie sollten damit rechnen, dass es vor und unmittelbar nach Zinsentscheidungen zu stärkeren Kursschwankungen an den Finanzmärkten kommt. Besonders von Zinswenden oder deren Ankündigung können daher größere Änderungen im Anlegerverhalten ausgehen. Überreaktionen sowie stärkere Umschichtungen zwischen verschiedenen Anlagesegmenten sind nicht auszuschließen.

Info

info Beachten Sie

Leitzinsentscheidungen können auch getroffen werden, um die Finanzmärkte nach exogenen Schocks zu stabilisieren. Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 verhinderte die amerikanische Notenbank durch eine Leitzinssenkung einen stärkeren Börsenabsturz. Großen Einfluss auf die unmittelbare Reaktion der Finanzmärkte auf Leitzinsentscheidungen haben die Erwartungen der Anleger. Häufig ist die Vorwegnahme einer vermeintlichen Zinsveränderung bereits in den Kursen eingepreist. Sie können daher nicht davon ausgehen, dass die Marktentwicklung nach der tatsächlichen Leitzinsentscheidung zwangsläufig in die erwartete Richtung führt.

Die Leitzinspolitik der Notenbanken hat in den vergangenen Jahren an Wirksamkeit verloren. Besonders in Europa sorgte die Schuldenkrise für eine zunehmende Wirkungslosigkeit des zinspolitischen Instrumentariums. Eine tiefe Unsicherheit im Handel zwischen den Geschäftsbanken und bei der Kreditvergabe in den Krisenländern ließ die Europäische Zentralbank nach alternativen geldpolitischen Instrumenten Ausschau halten. Dazu zählt z. B. der direkte Kauf von Anleihen (Quantitative Easing).

Lesen Sie in diesem Zusammenhang auch meine aktuellen Analysen zur EZB.

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